Forschungsbereiche

Unser Ansatz lässt sich in einem einfachen Modell zusammenfassen: Strukturelle Ungleichheiten werden wahrgenommen; Wahrnehmung führt zu Partizipation; Partizipation führt zu Policies; und die Policies wiederum wirken auf strukturelle Ungleichheiten. Aus Wahrnehmung, Partizipation und Policies entsteht ein simpler Kreislauf, in dem Ungleichheit in jedem Segment wirkt.

Dies sind die drei Forschungsbereiche, in denen wir am Cluster aktiv werden:

Forschungsbereich 1 - Wahrnehmungen

Forschungsbereich 2 - Partizipation

Forschungsbereich 3 - Policies


Forschungsbereich 1 – Wahrnehmungen

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Forschungsbereich 1 konzentriert sich auf Themen, die mit dem Bewusstsein der Menschen für Ungleichheiten zusammenhängen, mit den Präferenzen, die sie daraufhin bilden, und mit der Rolle von Framing in diesem Prozess.

Ungleiche Verteilung von Einkommen und Wohlstand, ungleicher Zugang zu Informationen und Bildungsangeboten, Ungleichbehandlung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit – das sind die Felder, in denen wir die politische Dimension von Ungleichheit untersuchen. Aber nicht jeder Einkommensunterschied wird als unfair wahrgenommen. Der Ausschluss mancher Gruppen von bestimmten Privilegien kann (sogar den Betroffenen selbst) als gut und richtig erscheinen.

Die politische Dimension von Ungleichheit beruht erst einmal also auf der Wahrnehmung von Ungleichheit. Nur wo die Verhältnisse als ungleich im Sinne von unfair, ungerechtfertigt, unerwünscht, unerträglich wahrgenommen werden, können Impulse entstehen, die herrschenden Verhältnisse zu ändern. Am Anfang unseres Forschungsprogramms steht daher die Frage:


Warum nehmen Menschen die Verteilung von Ressourcen in manchen Fällen als unfair wahr, in anderen aber nicht – und inwieweit beeinflusst diese Wahrnehmung ihre politischen Präferenzen?

Auf dieser Forschungsfrage beruht unser erster Forschungsbereich: Die Analyse von Wahrnehmungen und politischen Präferenzen von Ungleichheit. Angesichts einer herrschenden Ressourcenverteilung schätzen Individuen ihre eigene Position relativ zur Gesamtlage ein: Bin ich arm oder reich? Ungebildet oder gebildet? Privilegiert oder unterdrückt?

Es ist zu erwarten, dass derartige Selbsteinschätzungen mitunter deutlich von der tatsächlichen Verteilung abweichen, denn sie sind oft vorurteilsbehaftet. Beispielsweise unterschätzen reiche Personen oft ihre Position in der Einkommensverteilung, und ärmere Bürgerinnen und Bürger glauben besser dazustehen, als es tatsächlich der Fall ist. Individuelle Wahrnehmungen sind stark vom sozialen und politischen Kontext gefärbt. Politische Eliten und die Medien tragen zu Fehlwahrnehmungen von Ungleichheit bei, indem bestimmte Verteilungsaspekte betont, andere dagegen weggelassen werden. Sprache spielt bei der (Über-)Formung von Ungleichheitswahrnehmungen eine ebenso wichtige Rolle wie bei der Bildung politischer Präferenzen.

Das Ziel dieses Forschungsbereichs ist die Erforschung der Prozesse, durch die Ungleichheiten, ihre Wahrnehmungen und Präferenzen für oder gegen einzelne politische Umverteilungsbemühungen verbunden sind. Wir untersuchen insbesondere auch, wie sich Framing und gefilterte Information auf die individuelle Wahrnehmung der Situation auswirken, und welche Rolle sie für die Bildung politischer Präferenzen spielen. Das Forschungsfeld bringt Forscherinnen und Forscher sehr unterschiedlicher Disziplinen zusammen, zu denen auch die Linguistik gehört. Expertise aus diesem Fach fehlte bislang in der sozialwissenschaftlichen Forschung über Ungleichheitswahrnehmung und Präferenzbildung.


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Forschungsbereich 2 – Partizipation

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Im Forschungsbereich 2 untersuchen wir, warum Wahrnehmungen ungerechter Verteilung oft keine politische Teilhabe und Mobilisierung hervorbringt, die auf eine Änderung der Verhältnisse hinwirken könnte.

Auch dann, wenn die ungleiche Verteilung von Wohlstand Privilegien als unfair und falsch wahrgenommen wird, gibt es nicht immer Bestrebungen, daran etwas zu ändern. Manchmal bleibt es bei einem unterschwellig empfundenen Problem, nicht selten flauen Proteste rasch wieder ab oder scheitern an dem Versuch, politisch Gehör zu finden. Die bloße Wahrnehmung, auch wenn sie den Wunsch generiert, etwas an den Dingen zu ändern, reicht nicht aus, um etwas zu bewirken. Dazu bedarf es politischer Partizipation: Individuen mit einer Meinung müssen zu Akteuren werden. Politische Partizipation geht den Schritt von einem Wunsch zur Handlung, um ihn zu verwirklichen.

Beim Thema Ungleichheit könnte es besonders schwierig sein, das Dilemma des kollektiven Handelns zu überwinden. Zunehmende Ungleichheit mag die Anzahl an Individuen mit niedrigem sozioökonomischem Status erhöhen, die mehr Umverteilung befürworten. Gleichzeitig aber ist es unwahrscheinlicher, dass diese Gruppe ihren Präferenzen Gehör verschafft und die Eliten herausfordert. Hier setzt unsere zweite Forschungsfrage an:


Was sind die Bedingungen dafür, dass Forderungen zu politischer Aktion und Partizipation führen – auf der Ebene des Individuums, der Gruppe, der Organisation?

In diesem zweiten Forschungsbereich untersuchen wir Partizipation und Mobilisierung sowie ihre Erfolgsbedingungen. Individuelle Ressourcen und Spielräume sind dafür entscheidend und hängen zum großen Teil von Rahmenbedingungen ab. In nichtdemokratischen Staaten sind Partizipationsmöglichkeiten zum Beispiel oft deutlich geringer als in Demokratien. Aber auch innerhalb von Demokratien gibt es deutliche Unterschiede darin, wie politische Institutionen auf die Aggregation der Präferenzen von Individuen einwirken.

Die Neigung, sich politisch zu engagieren, hängt eng mit dem Bildungsniveau, Einkomen und rechtlichem Status zusammen. Allerdings illustrieren die zahlreichen Gelegenheiten, bei denen Benachteiligte sich erfolgreich mobilisieren ließen, dass der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und politischer Teilhabe doch etwas komplexer ist. Die Mobilisierung vormaliger Nichtwähler, die in den USA und Europa zum Erfolg populistischer Kandidaten und Parteien beigetragen haben, unterstreicht das. Dieses Phänomen zeigt auch, dass nicht nur ökonomische Benachteiligung, sondern auch wahrgenommener Macht- und Einflussverlust populistische Reaktionen befördern kann.

In diesem Forschungsbereich erforschen wir, wie ungleiche politische Teilhabe und Mobilisierung von ungleich verteilten Ressourcen und Spielräumen abhängen. Wir untersuchen die Mechanismen, die zu politischer Mobilisierung gegen Ungleichheit führen, und konzentrieren uns dabei sowohl auf konventionelle wie auf nichtkonventionelle Formen des Engagements – inklusive gewalttätigen Engagements – in demokratischen und nichtdemokratischen Kontexten. Außerdem untersuchen wir die Rolle der sozialen Medien und neuer Kommunikationskanäle, um festzustellen, ob diese die politische Teilhabe benachteiligter Gruppen wahrscheinlicher machen – oder unter den bereits politisch Stummen lediglich weitere Apathie befördern.


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Forschungsbereich 3 – Policies

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In Forschungsbereich 3 untersuchen wir, welche Stimmen in der politischen Arena am ehesten gehört werden, und welche politischen Reaktionen sie hervorrufen.

Vereinfachte Demokratiemodelle gehen meist davon aus, dass der Wettbewerb politischer Interessen reponsiv, also nach einem mehr oder weniger einfachen Ursache-Wirkung-Prinzip, Policies hervorbringt. Wir dagegen erwarten, dass Akteure, die Policies gestalten, eher selektiv auf die Wünsche ihrer Bürger eingehen. Politische Entscheidungsträger können nur eine begrenzte Zahl von Themen bearbeiten und müssen daher eine Auswahl treffen. Zugleich sind auf der politischen Bühne manche Gruppen präsenter als andere und vertreten ihre Interessen in besser organisierter Form. Politikerinnen und Politiker sind responsiver, also empfänglicher für die Wünsche dieser Gruppen.

Diese Selektivität ist in nichtdemokratischen Gesellschaften besonders offensichtlich, doch auch in Demokratien gibt es subtile, aber große Unterschiede in der Responsivität. Zum Beispiel könnten die Gesetzgeber eher auf die Forderungen von Lobbygruppen oder von reichen Bürgern eingehen als auf die der breiten Bevölkerung. So wird ökonomische Macht in politischen Einfluss umgesetzt. Indem wir von Demokratien bis Autokratien eine große Spannbreite unterschiedlicher politischer Systeme abdecken, vermögen wir zu bestimmen, warum die Selektivität politischer Reaktionen in verschiedenen Gesellschaften so stark voneinander abweicht.

Unterschiede in der Responsivität beeinflussen also die Art und Weise, wie Politik vorherrschende Ungleichheit angeht. Hier setzt unsere dritte Forschungsfrage an:


Wie reagieren die Akteure, die Policies gestalten, auf unterschiedliche Forderungen – und wie wirken diese Policies auf Wahrnehmungen, Präferenzen, Partizipation und die zugrundeliegenden strukturellen Ungleichheiten?

Wir erforschen im dritten Forschungsbereich, wie ungleiche Policy-Gestaltung in verschiedenen institutionellen Kontexten aussieht und wo ihre Ursachen liegen. Wenn Policies unterschiedlich responsiv auf existierende Ungleichheit reagieren, diese Responsivität aber zugleich von den existierenden Ungleichheiten abhängt, ergeben sich Feedback-Schleifen, durch die Ungleichheit in der Gesellschaft sogar noch wachsen kann.

Auch die Konsequenzen verschiedener politischer Reaktionen insbesondere auf der Ebene struktureller Ungleichheiten werden wir daher untersuchen. Zugleich aber wirken politische Reaktionen auch auf individuelle Wahrnehmungen, Präferenzen und politische Teilhabe und können künftige Mobilisierung anregen oder verringern. Wer ein umfassendes Verständnis der Verknüpfungen zwischen Ungleichheit und politischen Prozessen anstrebt, muss solche Rückkopplungseffekte durch politische Entscheidungen zwingend berücksichtigen.


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